Urlaubstag 1: Perfekter Tag mit Demo, Zugfahrt und Gin-Tonic

in Vögelsen bei Lüneburg

Mein erster Urlaubstag (von drei Wochen Urlaub inkl. Reise nach Vietnam) begann um 08.00 Uhr. Nachdem ich in den vergangenen Wochen immer Probleme mit der Verdauung und zuletzt auch Erkältungssymptome hatte, fühle ich mich nach zwei Krankheitstagen, viel Ruhe, schonender Ernährung (mit zuletzt viel Obst und Gemüse) nun doch fit genug, vor der großen Reise noch schnell an der Demo für Demokratie und Grundgesetz und gegen Faschismus und die neue Rechte in Osnabrück teilzunehmen. Ich hatte einen Zug Richtung Lüneburg um 12.23 Uhr gebucht, durch den GDL-Streik waren Fahrplan und Optionen diesbezüglich eingeschränkt.

Die Teilnahme an der Demonstration war mir wichtig. Ich habe nur selten in meinem Leben demonstriert, das letzte Mal wahrscheinlich mit Studierenden der Fachhochschule um 1998. Insgesamt kann ich meine Demo-Teilnahmen an einer Hand abzählen. Aber wie viele andere im Land dachte ich nach den Correctiv-Enthüllungen „Jetzt ist das Maß voll, jetzt heißt es, auf die Straße zu gehen und Flagge zu zeigen.“

Ich fuhr, mitsamt Bob, meinem orangefarbenen Reisekoffer und einem kleinen Rucksack mit dem Bus zum Hauptbahnhof, deponierte mein Reisegepäck im Schließfach und ging zu Fuß vom Bahnhof zum Schlossgarten („Schloga“). Dabei reihte ich mich in einen Tross von Leuten ein, die offenbar mit dem Zug zur Demo angereist waren und dasselbe Ziel hatten wie ich (geografisch wohl ebenso wie politisch). Es fühlte sich ein bisschen so an wie bei Besuchen großer Konzerte oder von Auswärts-Fußballspielen, mit den Gleichgesinnten durch die Straßen zu spazieren.

Ich kam ziemlich genau um 10.00 Uhr im Schloßgarten an. Die Menge war noch sehr übersichtlich, aber es strömten immer mehr Leute hinzu. Die ersten Redebeiträge sollten um 10.30 Uhr stattfinden, ab 10.03 Uhr spielte die Blues Company um „Toscho“ Todorowic ein kurzes Set. Die Songs passten textlich zum Thema der Demo, und die 5 Mitglieder der Band, die halt nicht „bio-deutsch“, wie es heute gerne genannt wird ist, hätten Angst vor den aktuellen Entwicklungen, so „Toscho“. Ich konnte mir zu der Zeit noch einen sehr guten Platz aussuchen, zog es aber vor, den Schlossgarten ingress-mäßig zu „erschließen“, bevor die eigentliche Veranstaltung begann.

Demonstration im Schlossgarten Osnabrück
Die Versammlung im Schlossgarten zu Osnabrück. Das Schloss im Hintergrund gehört zur Uni, links davon der Turm der Katharinenkirche.

Es strömten noch fleißig Leute auf den Platz, pünktlich um 10.30 Uhr verlas diejenige, die die Veranstaltung (ursprünglich für 200 Leute übrigens) angemeldet hatte, die Regeln und Vorgaben. Danach sprachen Osnabrücks Oberbürgermeisterin Frau Pötter und Landrätin Kebschull. Sie dankten den Menschen für die Teilnahme und ermunterten die Menschen unter anderem, sich in der Gesellschaft zu engagieren. Mir haben die Ansprachen inhaltlich gefallen. Es folgten Sprecher und Sprecherinnen von EXIL, einer Institution, die sich in Osnabrück um Geflüchtete kümmert, dabei kamen Betroffene zu Wort. Am meisten hat mich ein 10-jähriger Junge, dessen Eltern aus Syrien stammen, mitgenommen, der seine Rede sehr gut und selbstbewusst vortrug, seine Verbundheit zu Deutschland betonte und seine Angst vor den Entwicklungen in der Zukunft, aber auch seine Hoffnung, dass aufrechte Menschen das verhindern können. Ich hatte fast Tränen in den Augen.

Gegen 11.30 Uhr gab es Glockengeläut und eine Schweigeminute anlässlich des 79. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz durch die Rote Armee.

Danach sprach dann Verteidigungsminister Boris Pistorius, der zu diesem Anlass seine Heimatstadt besuchte (okay, ich nehme an, dass er anschließend auch zum Heimspiel des VfL Osnabrück gegen den SC Paderborn zur Bremer Brücke ins Stadion gegangen ist…). Der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt trug seine Rede sehr klar und markig vor. Er warnte ausdrücklich vor der AfD und bezeichnete Björn Höcke, den „gerichtlich zertifizierten Faschisten“ als das wahre Gesicht der AfD und andere AfD-Mitglieder (ohne weitere Namen zu nennen) als „kreidefressende Wölfe im Schafspelz“. Er zitierte immer wieder die Stelle „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ aus dem Grundgesetzt und beendete seine Rede auch damit, mit dem Zusatz „Und sie bleibt es auch!“. Die Botschaft war klar und eindringlich.

Protestplakat gegen die AfD
Mein persönliches Lieblingsplakat

Zwischenzeitlich war auch meine Freundin auf dem Gelände unterwegs, aber es war schwierig, zueinander zu kommen, weil das Gelände doch inzwischen recht voll war. Die Polizei sprach von 25.000 Teilnehmenden. Die Funkzellen waren auch überlastet, was die Kommunikation erschwerte. Aber die Ordner machten einen guten Job. Ich wechselte meine Position hier und da, in der Hoffnung, dass wir uns irgendwie treffen würden. Da sie nicht mit nach Vietnam kommt, war es die letzte Chance, sie für die nächsten 3 Wochen noch mal in den Arm zu nehmen.

Inzwischen sprachen unter anderem noch die „Omas gegen Rechts“. Das hat mir auch gut gefallen, klare Ansagen. Allerdings gab es einen Fauxpas, als eine Sprecherin „Gegen Faschismus und Demokratie“ skandierte. Kein Applaus. Sie versuchte es noch ein oder zweimal, aber eine Kollegin stellte dann klar, nun, man hätte vermutlich verstanden, was gemeint gewesen sei. Dennoch eine sehr starke Truppe, gut, dass es sie gibt.

Dann kam die Initiative „Den Rechten die Räume nehmen“ zu Wort, die am Nachmittag desselben Tages eine weitere Demonstration in Osnabrück angemeldet hatte. Die Rednerin nahm kein Blatt vor den Mund und kritisierte die Ampel für das Migrationsverbesserungsgesetz (was zuvor auch schon Redner:innen des Vereins EXIL getan hatten) und die Stadt Osnabrück. Nach ihren Angaben hatten Mitglieder von „Den Rechten die Räume nehmen“ bei einer Informationsveranstaltung der AfD auf dem Haarmannsplatz mit Kreide „FCK AFD“ auf den Boden geschrieben. Daraufhin seien Mitglieder zu vierstelligen Geldstrafen plus (in einem Fall) einer Vorstrafe belegt worden.

Nun bin ich etwas skeptisch: Womöglich gab es andere Vergehen, die mit zu den Strafen führten (lt. NOZ hat bei der zweiten Kundgebung, die ansonsten friedlich verlief, sich ein Vermummter ein Handgemenge mit einem Polizisten geliefert). „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“, und die Methoden der Linksextremen gehen teilweise in die Richtung, auch wenn das stark übertrieben ist. Sie marschieren gerne vor einem Burschenschaftsgebäude oder einem Restaurant auf, dessen Betreiber nach ihren Angaben AfD-Stammtische beherrbergt hat, auf und haben auch schon mit Farbbeuteln geworfen. „Doxing“, also das auswählen konkreter Ziele beim politischen Gegner, um dort eine Bedrohungskulisse zu schaffen, ist meines Wissens auch im Werkzeugkasten der neuen Rechten vorhanden. Meiner persönlichen Ansicht nach sollte man nicht auf das Niveau fallen, weil man den Rechten dann wieder Munition gibt im Sinne von „Ha! Ihr seid ja nicht besser, Ihr macht das doch selber!“ – und das sicher nicht differenziert auf die unterschiedlichen Strömungen ihrer Gegner.

In der Sache „Hohe Strafen für Sachbeschädigung durch Kreidemalerei“ ist im Artikel https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/protest-gegen-afd-in-osnabrueck-und-der-schmutzige-streit-danach-45621435 der NOZ zu lesen, dass zwar die „FCK AFD“-Botschaft in der Tat mit Kreide gemalt und innerhalb von Minuten durch ein Bürstenfahrzeug der Stadtreinigung zu entfernen war, aber eine Botschaft „Ganz Osnabrück hasst die AfD“ mit Farbe am Rand des Haarmannbrunnens hinterlassen wurde. Und das stelle schon einen Straftatbestand dar, Sachbeschädigung an einem Denkmal. Die Rednerin von „Den Rechten die Räume nehmen“ hat also womöglich die Wahrheit zumindest ein bisschen verbogen und nicht die alles erzählt.

Aber es ist ein schmutziges Geschäft: Bei derselben Veranstaltung hat (demselben NOZ-Artikel zufolge) jemand von „Den Rechten die Räume nehmen“ Flugblätter der AfD von einem Infotisch gewischt und dabei die Hand einer AfD-Repräsentantin berührt. Das wurde dann von Seiten der AfD schnell als eine Handverletzung, die im Krankenhaus behandelt werden musste, kommuniziert, und auch da bin ich nicht so sicher, wie dicht das an der Wahrheit sein mag… oder wie weit weg.

Die Veranstaltung im Schloßgarten endete mit einem gemeinsamen Gesang von

„Wehrt euch, leistet Widerstand gegen den Faschismus hier im Land“

Gesang auf Demonstrationen gegen Faschismus, nach der Melodie von „He ho, spann den Wagen an.“

Das Gelände leerte sich recht schnell, so dass meine Freundin und ich uns endlich treffen konnten. Wir trafen noch gemeinsame Bekannte vom „Unordentlichen Zimmertheater“, mit denen wir kurz klönten. Danach begleitete mich meine Freundin noch zu Fuß zurück zum Hauptbahnhof, wo ich meinen Zug, der eine knappe Stunde Verspätung hatte, ziemlich direkt besteigen konnte. Die Angaben in der DB-App waren absolut korrekt. Die Verspätung kam mir also eher entgegen, und auch die Ankunft des Zuges in Hamburg-Harburg entsprach den Anzeigen ab Osnabrück.

Ich bekam in Harburg innerhalb von 20 Minuten einen Anschlusszug nach Lüneburg, der absolut pünktlich war und würde in Lüneburg von meiner Schwester abgeholt. Ich bekam was Leckeres zu essen (Kürbissuppe und Salat), und später kamen mein älterer Neffe und seine Freundin, und wir nahmen je zwei Runden Gin Tonic und „Heckmeck am Bratwurmeck deluxe“ zu uns. Danach ließen wir den Abend vor der Glotze mit ein paar Episoden „How I met your mother“ (comfortbinging) ausklingen. Soviel vom ersten Urlaubstag.

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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2 Responses to Urlaubstag 1: Perfekter Tag mit Demo, Zugfahrt und Gin-Tonic

  1. Avatar von satayspiess satayspiess sagt:

    Ha, das Schild mit dem Maulwurf habe ich heute auch in Hamburg gesehen!
    Überhaupt gab es viele originelle und liebevoll gestaltete Schilder!
    Und viele Menschen …

    • Avatar von michikarl michikarl sagt:

      Ja, offensichtlich holen sich einige im Fernsehen und auf Bildern im Internet ihre Anregungen für die Schilder. In der NOZ habe ich später noch ein Foto eines ganz ähnlichen Schildes gesehen. Auch sehr schön ist ein Schild mit Bild von Loriots „Herren im Bad“ und einer blau-roten Ente und dem Spruch „Die AfD bleibt draußen!“

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