Der Kaiserin ihr seine neuen Kleider

Da Nang, im Hotel, 22.44 Uhr

Für den heutigen Tagestrip war einigermaßen frühes Aufstehen angesagt, der Wecker stand auf 07.00 Uhr – und der Weckton war aus. Um 07.10 Uhr weckte mich allerdings der Benachrichtigungston einer eingegangenen Textnachricht. Er kam von meiner Hotelmitbewohnerin ein Stockwerk tiefer, „Frühstück um 7.20 Uhr?“ – „Nee, schaffe ich nicht, mein Plan ist 7.40 Uhr.“ Naja, schnell duschen, zähneputzen, anziehen, und um 07.40 traf ich dann meine Mitbewohner beim Frühstück. Abholung zum Tagestrip am Hotel war um 08.10 Uhr angesagt gewesen und ich wollte pünktlich am Start sein, also nahm ich nur ein kleines, schnelles Frühstück und fand mich pünktlich in der Sitzgruppe am Hoteleingang ein. Aber wie das immer so ist, es verspätete sich dann doch alles noch mal um 10-15 Minuten.

Dieses Bild, aufgenommen im Flughafen Istanbul, hat hier überhaupt keinen Zusammenhang zum Text. Es ist ein Running Gag in diesem Blog, wer mir schon länger folgt, weiß, worum es geht. Wer es wissen möchte, lese über meinen Besuch bei Macy’s in New York nach…

Die Fahrt ging nach Norden, das Ziel war die alte Kaiserstadt in Huê. Die Fahrt dorthin dauerte mit dem gecharterten Transporter (samt Fahrer) ungefähr zwei Stunden netto. Die Fahrt führte über den Hai Vân Pass (Wolkenpass). Wir fuhren die Serpentinen da hoch und stoppten oben an der ehemaligen Grenze zwischen Nord- und Südvietnam am 17. Breitgrad. Hier gab es noch einige Betonbunker, die wohl wirklich aus der Zeit des Krieges stammten, und eine neue, symbolische Befestigungsmauer, die offenbar neu als Symbol der historischen Landesgrenze gebaut wird. Dazu Parkplätze und Shops, die Getränke, Souvenirs und anderes feilboten. Da ich keinerlei Sonnenhut hatte, erwarb ich einen solchen dort. „Wolkenpass“ ist wörtlich zu nehmen, denn einige Wolken haben wir dort auch auf unserer Höhe vorbeiziehen sehen. Der Blick war zwar gut, aber die Sicht etwas durch tiefhängende Wolken beeinträchtigt.

Der Wolkenpass hat seinen Namen nicht ohne Grund.

Irgendwann fuhren wir weiter. Der nächste Stopp fand an einem Strand statt, wo es wieder Möglichkeit gab, Erfrischungen zu kaufen und die Toilette zu besuchen. Außerdem hatte man einen Ausblick (teilweise sogar Einblick) auf ein Perlenzuchtgebiet am Strand. Hier blieben wir eine Weile, bevor wir zum eigentlichen Ziel, der alten Kaiserstadt in Huê weiterfuhren.

Perlenzucht

Zum geschichtlichen Hintergrund: Die Nguyễn-Dynastie war die letzte Kaiserdynastie, die in Vietnam regierte. Nicht alle Nguyens (der Name ist in Vietnam so häufig wie Meier oder Müller in Deutschland) stammen tatsächlich von dieser Dynastie ab, der Name wurde teilweise einfach angenommen, weil er aufgrund seiner Geschichte sehr populär war. Im heutigen Huê liegt die alte Stadt der letzten Kaiser, die heute UNESCO-Welterbe ist. Sie ist teilweise verfallen, wird aber mit UNESCO-Mitteln nach und nach wiederhergestellt. Meine Schwester, die schon oft bei ihren um die 20 Vietnamreisen an diesem Ort war, erzählte vom Fortschritt dieser Arbeiten.

Die Zitadelle der Kaiserstadt, ein klassisches Fort.

Um den Besuch der Stadt für Besucher besonders authentisch zu gestalten, gibt es die Möglichkeit, sich entsprechende Kleidung auszuleihen. Man kann so in die Rolle von Kaiserin oder Kaiser, Prinz oder Prinzessin oder auch Bewohner:innen niedrigeren Standes schlüpfen. Dies ließen sich zwei weibliche und ein männliches Mitglied unserer Reisgruppe nicht entgehen und ließen sich im Kostümverleih mit entsprechender Gewandung ausrüsten. Dazu gehörten auch passende Schuhe und Accessoires. Die drei sahen dann auch super aus. Drei Leute der Reisegruppe, unter anderem ich, verzichteten auf das Erlebnis und kümmerten uns mehr darum, die Fotos der gewandeten Leute vor den historischen Kulissen zu schießen.

Das „Kaiserliche Paar“.

Nach der äußerlichen Verwandlung der „Kaiserlichen Drei“ begaben wir uns erst vor, dann in die Stadt und begannen damit tonnenweise Bilder der „Kaiserlichen“ in den verschiedenen Kombis miteinander und vor verschiedenen Hintergründen zu schießen. Das verbanden wir dann auch, die Stadt zu besichtigen. Wir hatten uns dazu etwas mehr als anderthalb Stunden Zeit eingeplant und einen Treffpunkt vereinbart. Meine Mitbewohner machten sich bald individuell auf die Socken, ich blieb ziemlich lange bei meiner Schwester, meinem Neffen und seiner Freundin. Wir besichtigten einige Gebäude von innen, unter anderem das kaiserliche Theater, welches heute von innen so ausgestattet ist, dass dort Musik- und Theateraufführungen stattfinden können, es gibt eine komplette Bestuhlung, Kulissen und modernes Equipment zur Beleuchtung. Wir sahen die Schatzkammer und die kaiserlichen Gärten mit penibel beschnittenen Bäumen und Sträuchern sowie diverse Teiche, in denen Koi-Karpfen und andere Fische ihre Runden drehten. Zwischendurch knipsten wir immer einmal wieder Bilder des „Kaiserlichen Paares“ (mein Neffe und seine Freundin).

Ich hatte irgendwann festgestellt, dass ich nicht mehr so recht Lust auf den kulturellen Input hatte. Ich gestehe, dass ich mir ziemlich ignorant vorkomme, aber irgendwie fehlt mir einfach der Bezug zur hiesigen Kultur und Geschichte. Insgesamt bin ich eher ein Cretin, was Geschichte angeht, die vor dem vergangenen Jahrhundert stattgefunden hat (angeblich wiederholt sich die ja ohnehin ständig, weil wir nichts aus ihr lernen). Daher hatte ich ich irgendwann genug von der Besichtigung der prächtig wiederhergestellten Gebäude und der üppigen Teich- und Gartenareale. Da ich festgestellt hatte, dass hier noch viel Ingress-mäßig (Ingress ist ein Spiel, welches per GPS und Smartphone in der echten Welt an echten Orten gespielt wird, ich spiele das seit 11 Jahren, wo immer ich bin) zu erschließen war, setzte ich mich dann auch etwa 40 Minuten vor dem Treffen zur Abholung an einem der Stadttore ab und holte das ein wenig nach. Die Zeit reichte nicht, um das Areal komplett zu erobern, aber ich machte, was ging, bevor ich mich pünktlich am Treffpunkt einfand.

Das kaiserliche Theater

Unser Transporter mitsamt Fahrer und meines Schwagers, der nicht mit auf Besichtigungstour gegangen war (der war an dem Ort vermutlich auch schon sehr oft), holte uns zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Ort ab. Die Stimmung war aus verschiedenen Gründen etwas angespannt. Zum einen war der gedungene Fahrer, mit dem die Freundin meines Neffen, die ihn und den Transporter gebucht hatte, auf Vietnamesisch diskutierte, kein so guter Dienstleister. Der machte nicht einfach, was seine Kunden wollten, sondern musste immer erst diskutieren und alles besser wissen. Das war nervig für die Freundin meines Neffen. Zum anderen ging es einer Mitreisenden gesundheitlich zunehmend schlechter, sie entwickelte Fieber und andere Symptome. Und ich selbst war auch unentspannt, weil ich mit mir selbst nicht zufrieden war.

Denn der ganze Ausflug war nicht so recht nach meinem Gusto, viel Fahrerei und Sitzen im Auto für eine Sache, die mich nicht so recht interessierte. Aber damit haderte ich, weil mir andererseits erstens klar war, dass mein Neffe und seine Freundin das liebevoll für uns geplant war, andererseits mir der Plan auch detailliert mitgeteilt worden war und ich hatte ja keine Einsprüche erhoben. Ich kam mir undankbar vor, konnte aber auch nicht recht aus meiner Haut. Daher war ich leider nicht sonderlich gesellschaftsfähig. Insbesondere tat es mir leid für die Freundin meines Neffen, die wirklich der ganzen Gruppe so super hilft, wo immer es geht. Sei es beim Vorbereiten und Mitnehmen leckerer Früchte als Snacks unterwegs, beim Kümmern um Abliefern und Wiederaufpicken von Wäsche bei einer günstigen Wäscherei unterwegs, bei der Versorgung mit Medikamenten bei gesundheitlich angeschlagenden Mitreisenden, sei es bei der Organisation von Unterkünften und Transfers oder beim Verbreiten guter Laune …. Sie ist einfach eine großartige Person, die fleissig und kompetent ist und sich mit allem unglaublich viel Mühe gibt.

Das „Kaiserliche Paar“ im Theater

Nun, es war die ganze Zeit auch recht warm, und ich hatte nach der Besichtigung der Kaiserstadt auch irgendwie genug der Fahrerei und Kultur für einen Tag. An sich war noch der Besuch einer Pagode bzw. von Grabstätten angesagt, aber ich meldete bei meiner Schwester schon an, dass ich da gerade nicht mehr so viel Lust dazu hatte. Außerdem besprach ich das mit meiner Mitbewohnerin, der es leider zunehmend schlechter ging (ihr allerdings physisch). Wir besprachen dann beim einem Mittagessen, welches wir in einer bescheidenen und preisgünstigen Garküche (unser versnobter Fahrer, der uns erst an einer teureren Location unterbringen wollte, hat offenbar gefragt, wie wir an einem solchen Platz essen könnten?) zu uns nahmen. Ich hatte eine Nudelsuppe mit verschiedenen Fleischsorten, wie auch meine Familie. Es hat mir ganz gut geschmeckt, wenn auch einige der Fleischeinlagen mit zu knorpelig und/oder fettig waren. Dazu gab es ein Huda-Bier, hinter dem die Carlsberg-Brauerei, in dessen Name aber auch der Name der Stadt Huê steckt. Das kriegt man hier überall, neben „Tiger“ aus Singapur und „Bia Saigon“.

Da meine Family alle Sites, die noch auf der Tagesliste standen, durchaus schon kannten, und alle „Vietnam-Newbees“, also der Freund meines Neffens, seine Freundin und ich, eher schon auf irgendeine Art am Limit waren, wurde während des Essen beschlossen, noch am Hương Giang (Parfüm-Fluss) Kaffee zu trinken. Der Fluss heißt meiner Schwester zufolge so, weil auf ihm einst viele Gewürze transportiert wurden, von denen intensiver Duft ausging. Wir fanden ein Café im fünften Stock eines Gebäudes der 350.000-Einwohnerstadt Huê, wo wir verschiedene Getränke (und ich Vanilleeis) orderten.

Der Parfüm-Fluss

Ich war irgendwie ziemlich ungeduldig und wollte wieder zurück nach Da Nang. Dabei war es eigentlich meine arme Mitbewohnerin, der es richtig schlecht ging, die sich aber sehr tapfer hielt. Nachdem alle ihre Getränke verzehrt hatten, enterten wir alle wieder den Transporter und traten wieder die zweistündige Fahrt nach Da Nang an. Wir fuhren diesmal nicht über den Pass, sondern nahmen die einfacher zu fahrende (und vielleicht auch schnellere Strecke) durch einen über 6 km langen Tunnel.

Wieder in Da Nang fuhren wir die Wäscherei an, wo viele Mitglieder unserer Reisegruppe über die Freundin meines Neffen Wäsche haben waschen lassen, während wir unterwegs auf dem Tagesausflug waren, und bekamen die gewaschene Wäsche wieder (20.000 Dong / < 1 Euro pro kg). Das war wirklich super organisiert. Anschließend wurden meine Mitbewohner und ich und ich am Hotel abgesetzt. Ich suchte mein Zimmer auf, ebenso meine Mitbewohner. Mein Schwager ließ sich bei der Wohnung meines Neffens und seiner (übrigens großartigen, habe ich das schon erwähnt?) Freundin absetzen. Meine Schwester, mein Neffe und seine Freundin gingen zur nächsten Apotheke, um Medikamente und Elektrolyte für meine erkrankte Mitbewohnerin zu besorgen. Während ich mich kurz neu organisierte (auch mental), lieferten die die Sachen eine Etage unter mir ab und begaben sich dann zu einem veganen Restaurant in der Nähe des Hotels.

Während der Fahrt war ich mir nicht sicher gewesen, ob ich heute noch irgendwie gesellschaftsfähig sein könne, entschied mich dann aber doch dafür, noch mit meiner Family (abgesehen von meinem Schwager) was zu Abend zu essen. Das Restaurant der Wahl war nur sieben Minuten zu Fuß vom Hotel entfernt, die anderen hatten knapp fünf Minuten Vorsprung. Ich ließ mich also von Google dorthin führen.

Im Restaurant checkte ich die Karte, die haben echt tolle Bowls, und die auch recht günstig für europäische Verhältnisse. Meine Schwester nahm eine „Smoothie Bowl“, also ein Gericht, das aus teilweise geschnittenen, teilweise pürierten Früchten bestand. Das sah auch super lecker und super gesund aus. Ich entschied mich für eine Portion Süsskartoffelfritten mit einer veganen Mayonaise und einen Mango-Madness-Shake auf Soja-Milch-Basis.

So sieht das aus, wenn man Grab per Moped fährt

Nach dem Essen verabschiedete sich die Freundin meines Neffen und nahm ein Moped-Grab zurück zu ihrer Wohnung, während meine Schwester, mein Neffe und ich noch einen Cocktail in einer Strandbar zu uns nehmen wollten. Nachdem wir mehrere abgeschritten und auf die Nervigkeit und Lautstärke ihrer Musik hin geprüft hatten, landeten wir in „Paradise“, direkt vor meinem Hotel, wo ich schon mal eine Piña Colada getrunken habe. Ich nahm entschied mich diesmal für einen Long Island Ice Tea, meine Schwester für einen Singapore Sling und mein Neffe für einen Hawaiian Zombie. Leider haben die Vietnamesen das nicht so drauf, Getränke oder Essen so zu servieren, dass man das gemeinsam konsumiere kann… mein Drink kam lange vor den anderen.

Long Island Ice Tea

Nach den Drinks am Strand (ich war halt dann auch als erster durch) verabschiedete ich mich, bezahlte, und suchte noch einen 24/7-Supermarkt in Hotelnähe auf, um neue Getränke zu kaufen. Dort erreichte mich mein Neffe per Whatsapp-Sprachanruf, man habe eine Hotelkeykarte an ihren Tisch gebracht – natürlich wars meine, die mir aus der nicht so tiefen Tasche meiner Shorts gerutscht war. Glück im Unglück. Also holte ich mir die schnell noch beim „Paradise“ ab, wo meine Schwester und mein Neffe gewartet hatten, bevor sie auch mit einem Grab zur Wohnung meines Neffen uns seiner Freundin zurückfuhren.

Ich ging zurück zum Hotel. Nachdem ich mal auf dem Dach nach dem Pool und der Rooftop-Lounge (schon geschlossen leider) geschaut habe, suchte ich mein Zimmer auf und schrieb diesen Beitrag.

Ausblick: Morgen soll es nach Hội An gehen. Das ist eine Stadt südlich von Da Nang, ganz in der Nähe, nur 30 Minuten Fahrt mit dem Auto lt. Google Maps. Hier gibt es auch eine historische Stadt zu besichtigen, wir wollen mit Korbbooten (was immer das ist) fahren, vielleicht shoppen gehen … Abends sind wir in einer Art Zirkus, wo Akrobaten Künststücke mit Bambus vorführen. Man wird sehen, ich werde berichten.

Bis denne.

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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1 Response to Der Kaiserin ihr seine neuen Kleider

  1. Avatar von satayspiess satayspiess sagt:

    Ach Michi, ein bisschen erinnert mich das eigene Fernreisen, wo man sich selbst fragt „ächz, will ich das jetzt wirklich AUCH NOCH machen?“. Die Antwort an mich selbst war gewöhnlich „na gut, wer weiß, ob ich je wieder hier hin komme!?“ (kam ich bisher nie).
    Allerdings war ich bisher auch immer nur allein oder max. einer weiteren Person in der Ferne. Dann ist man vielleicht etwas flexibler in den Entscheidungen.
    Der Geist (und auch der Körper) muss ja auch alles erst Mal verarbeiten.
    Viel Spaß weiterhin, und pass‘ auf dich auf!

    PS: Gute Besserung an die Mitreisende!

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